Die Brücke nach drüben

Ein deutsch-deutscher Roman
Reihe: Liebesgeschichten
208 Seiten, Taschenbuch (Paperback)
EUR 10,90 · ISBN 978-3-8280-2559-1

Silvester 1989


Draußen ist es dunkel. Ab und zu huscht der Zug an Lichtern vorbei. Er rattert durch die Nacht, schuckelt über Bahnschwellen, im gleichmäßigen Takt. Immer wieder und wieder.
Ich muss verrückt sein, diese Fahrt von Wolfenbüttel nach Berlin zu machen, um „dabei“ zu sein. Verrückt, anstatt mich bei meiner alten Mutter im Warmen aufzuhalten. Ich fliehe vor meinen Gefühlen, die ich dort um so mehr spüren würde. Ich will vergessen.
Um abzuschalten, schließe ich meine Augen. Es geht nicht, ich bin wie aufgedreht.
Die Leute ziehen im Gänsemarsch durch die Gänge. Einige grölen laut, mit Bierdosen in den Händen. Sie rufen und schreien: „Berlin, Berlin! Berlin hat keine Mauern! Berlin, Berlin! Die Mauer muss weg! Die Mauer muss weg! Die Mauer muss weg!“
Von überall aus der Bundesrepublik sind sie gekommen. Alle wollen, wie ich, den Jahresbeginn 1990 am Brandenburger Tor erleben.
Draußen geht ein Mann mit einem Pappteller in den Händen vorbei, mit zwei knackigen Würstchen darauf. Ich bekomme Hunger. Vielleicht kann auch ich etwas Essbares auftreiben.
Das Mädchen gegenüber sieht hoch, als ich mich an ihr vorbeiquetsche. Sie schweigt und vertieft sich in ihr Buch.
Auf dem Gang ist ein Stau entstanden. Die Gruppe, die das Mauerlied erneut anstimmt, ist noch nicht durch. Sie singen immer wieder:
„Die Mauer muss weg! Die Mauer muss weg! Berlin, Berlin …“
Zwei Ostbeamte verlangen meinen Ausweis. Während ich das Papier aus der Handtasche nehme, starrt mich der eine an und sagt: „Haben Sie da hinten einen Bart?“ Er verzieht sein hageres Gesicht zu einem gequälten Lächeln.
Wahrscheinlich soll das ein Witz sein. Ich habe in meinem Angorapullover fransige Wolle verarbeitet. So was hat er sicher noch nicht gesehen. „Ich trage eben einen männlichen Pullover“, sage ich.
Sein stämmiger Begleiter studiert mein Passbild gründlich. Aufmerksam mustert er mich. Zögernd gibt er mir den Ausweis zurück. „Nichts für ungut“, sagt er und wendet sich ab.
Der Speisewagen befindet sich am Ende des Zuges. Ich frage nach heißen Würstchen. Es gibt dort keine. Ich bestelle mir Rührei mit Brot. Den Teller mit Inhalt bekomme ich in die Hand gedrückt. Unschlüssig sehe ich mich um. Hier schwankt der Boden wie auf einem Schiff. Es sind noch Plätze frei.
Gegenüber sitzt ein Mann, der mich mit stechenden Augen fixiert. Unangenehm davon berührt blicke ich zu den Fenstern. Sie sind mit buntkarierten Vorhängen dekoriert. Ich esse mein Rührei mit Schinken und ein Stück hartes Brot dazu. Dabei steigt mir die Erinnerung an meine gebratene Weihnachtsgans in den Kopf. Ich habe zu Hause kaum etwas davon angerührt.
Als ich fortgehe, folgt mir der Mann, der mich mit den Augen ausziehen will. Er schlüpft hinter mir ins Abteil und setzt sich schräg gegenüber. Ich wage einen Blick zu ihm. Er trägt eine sexy eng anliegende Hose. Sein Unterkörper zeichnet sich aufdringlich mit all seinen Formen daraus ab. Ich wende mich peinlich berührt ab und sehe hinaus. Überall ist es hell und betriebsam. Längst haben wir die ländliche in eine städtische Gegend getauscht. Draußen entsteht Tumult. Wir haben Berlin erreicht. Endlich!
Bahnhof Zoo. Ich steige aus. Die Uhr am Gebäude zeigt kurz nach zehn. Mir ist komisch, so mutterseelenallein. Ein wenig unsicher mache ich die ersten Schritte durch das nasskalte Berlin. Die Straßen sind noch weihnachtlich geschmückt. Strahlende Girlanden hängen über mir. Ich genieße die bunten Lichter und irgendwie wird mir heimelig zumute. Schließlich bin ich hier geboren.
Meine Vorfahren liegen irgendwo in der Nähe auf dem Friedhof. Womöglich gesellen sie sich gerade unsichtbar zu mir und freuen sich, dass ich da bin.
Ich gehe um die Gedächtniskirche herum, kaufe mir einen heißen Punsch. Der vertreibt die nasse Kälte und bringt mein Blut in Wallung. Leicht angeheitert erstehe ich am Ku’damm zwei Würstchen vom Verkaufsstand. Die esse ich einfach auf der Straße, während ich weitergehe.
An der Haltestelle fährt die 69 ab. Im Pulk von Leuten steht ein Mann in grauer Uniform und schwenkt mit den Armen in der Luft herum.
„Sie können den Bus zum Brandenburger Tor nicht nehmen!“, schreit er in die Menge. „Da ist alles blockiert! Der Bus kann am Reichstag nicht mehr wenden. Fahren Sie mit der S-Bahn zum Bahnhof Friedrichstraße. Das sind nur zwei Stationen zu fahren!“
Ich lasse mich mit dem Pulk von Menschen weiterschieben, folge ihnen artig, lande beinahe im Sexkino. Im letzten Moment biege ich links ab, Richtung S-Bahn.
Zwei Stationen, dann aussteigen. Schon bin ich dem Ziel nahe. Im Dunkeln ist es schwer, sich zurecht zu finden, wenn man nicht Bescheid weiß. Die Fenster des Reichstagsgebäudes sind nicht erleuchtet, aber das Haus wird von Scheinwerfern bestrahlt.
Ich nehme den Fußweg zum Brandenburger Tor. Große Menschenansammlung herrscht überall. An der Straße des 17. Juni ist kein Durchkommen. Ich zwänge mich durch das Gewühl und gehe ein Stück zurück, wo ich freier bin.
Da sitzt einer auf der Mauer und meißelt Stücke heraus. Ein kleiner Brocken davon fällt auf den Boden. Ich bücke mich und stecke ihn mir in die Manteltasche. Sehnsuchtsvoll blicke ich nach oben. Da klettern sie über die Mauer. Dort oben mit den anderen stehen, das wär’s! Ralf hätte mich für verrückt erklärt. Mich mit allen Mitteln daran zu hindern versucht, auf die Mauer zu gelangen. Wie gut, dass Ralf nicht hier ist.
Ein sympathischer Dicker sieht mich an und schreit: „Willste auch?“
„Ja, ich will. Ich will!“, schreie ich zurück und raffe meinen Mantel zusammen.
Ich muss auf die Mauer, egal was dabei rauskommt. Womöglich falle ich hinunter, aber egal, ich will.
Mit vereinten Kräften werde ich geschoben, und von oben gezogen. Ich denke, ich schaff’ es nicht, aber ich schaffe es. Dann stehe ich oben am Rand, sehe auf die wogende Menschenmasse hinab. Sie reicht so weit, wie das Auge blicken kann. Ich fühle mich dazugehörig, bin eine von ihnen, und nicht mehr allein.
Das ist einfach wunderbar!
„Lasst uns weitergehen“, ruft ein Mädchen mit langen, dunklen Haaren, das neben mir steht. „Wohin geht ihr“, frage ich.
„Na, rüber auf die andere Seite“, sagt sie.
Ich folge ihr und ihren Freunden. „Muss man dann wieder von der Mauer nach unten?“, frage ich naiv.
„Klar“, erklärt die Dunkelhaarige, „was denn sonst.“
„Und … geht das sehr tief nach unten?“
„Ich denke schon“, meint sie.
Ich habe Angst, hinunter zu springen. Oh, Himmel, ob ich das schaffe? Egal, ich will den Jahreswechsel auf der Seite der DDR erleben. Und dabei das Brandenburger Tor betrachten. Ja, das will ich.
Erstaunlich, wie breit die Mauer ist, wenn man sich darauf aufhält. Ich setze mich auf den harten Boden. Jemand wirft meine Tasche hinunter und schreit:
„Die muss zuerst runter, und jetzt du!“
Was bleibt mir übrig, als meiner Tasche zu folgen?
Von oben wird mein Sprung gebremst und da ist jemand der mich auffängt. Hilfreiche Hände, die von irgendwoher kommen und wieder verschwinden, als sei nichts gewesen. Ich bin dankbar dafür.
Ein paar blaue Flecke habe ich vom Raufsteigen, und einen Riss im Mantel. Das merke ich aber erst viel später. Da waren so viele Nägel, aber alles nicht so wichtig.
Jetzt bin ich auf der anderen Seite der Mauer. Auf der anderen Seite!
Oben wird gerade unter dem Jubel der Menge die DDR-Fahne heruntergerissen. Eine Lautsprecherstimme mahnt die Leute zur Vernunft. Glücklich gehe ich durchs Brandenburger Tor. Einfach rüber. So wie ich es mir immer erträumt habe. So, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt. Als ich hier geboren wurde, war es so, und so ist es wieder geworden.
Einige Leute sitzen unter dem Tor, andere versuchen an dem dünnen Gestänge, das eine Leinwand hält, emporzuklettern. Sie wollen auf die Quadriga. Ein waghalsiges Risiko. Das wird kurze Zeit später einigen zum Verhängnis.
Ein herrliches Gefühl, hier so einfach rüber zu gehen. Hinter dem Tor sind Menschentrauben um ein provisorisches Studio versammelt. Das DDR-Fernsehen sendet live.
Unter dem Jubel der Massen werden jetzt oben die westdeutsche und die Europa-Fahne gehisst. Ich umgehe den Pulk, will was zum Trinken kaufen. Schließlich naht Mitternacht.
Unter den Linden gibt es einen Getränkestand. Er ist der einzige weit und breit. Ich schließe mich der Schlange von Wartenden an. Man muss Geduld haben. Hoffentlich bekomme ich noch was vor zwölf.
Eine ältere Frau mit dunkler Mütze steht vor mir an. „Wenn ich in den Westen gehe“, sagt sie zu mir, „dann esse ich mich zu Hause vorher immer richtig satt. Damit ich da drüben nicht immer so viel Hunger kriege. Und dann kriege ich doch immer Hunger, wenn ich die schönen Sachen sehe, die es da gibt. Komisch, da kriege ich immer Hunger. Sonst habe ich zu Hause nie Hunger. Dabei ist alles so teuer im Westen. Man kann nicht viel kaufen. Man kann nur angucken.“
Ich warte und trete nervös von einem Bein aufs andere. Es ist fast zwölf. Gleich bin ich dran.
Endlich bekomme ich meinen Punsch. Es hätte auch Sekt sein können, aber der ist hier am Stand unerschwinglich. Das Feuerwerk kann ich von hier aus sehen. Es ist in vollem Gange. Überwältigend ist das! – Das Brandenburger Tor ist in taghelle bunte Farben getaucht. Darüber entfalten sich unzählige glühende Punkte zu leuchtenden Fontänen.
Die Menschen um mich herum nehmen keine Notiz von mir. Sie fallen sich in die Arme und wünschen sich ein gutes neues Jahr. Die Frau, die im Westen immer Hunger hat, ist fort.
Ich stehe abseits mit meinem Becher Punsch, trinke ihn und denke an zu Hause, an Ralf, der sich vielleicht genauso einsam fühlt. Noch ein Schluck, dann ist der Becher leer. Ich werfe die Pappe in den nächsten Müllkübel. Ich gehe Unter den Linden ein Stück weiter.
„Ein frohes neues Jahr!“ Ein junger Mann lacht mir freundlich zu: „Möchten Sie einen Schluck Sekt?“
Irgendwie kommt er mir bekannt vor, doch sehe ich anfangs nicht genau hin, nehme von dem Sekt, den mir der Bursche anbietet. Nach einem kräftigen Schluck gebe ich ihm die Flasche zurück. „Ein frohes neues Jahr“, sage ich kleinlaut, noch ganz erfüllt von meiner Einsamkeit.
„Ich heiße übrigens Thorsten“, erklärt er mir, aber dann ist er schon wieder bei den Leuten, die ihm zuhören. Ich bleibe stehen.
„Es ist schlimm“, sagt Thorsten, „weil alles so unsicher ist. Keiner weiß, wo’s richtig langgeht. Wir sind führungslos, das ist das Schlimmste.“
Der Alkohol löst mir die Stimme. „Ich finde es toll, dass die DDR so gewaltlos demonstriert“, sage ich. „Ich glaube nicht, dass die Leute bei uns damit so viel erreicht hätten.“
Ein Mann aus dem Rheinland, der ungefähr in meinem Alter ist, nickt zustimmend: „Komm, trink aus meiner Pulle auch einen mit.“ Er reicht mir die Flasche, und ich nehme sie.
Eine junge Frau, die bisher zugehört hat, kommt näher: „Was heißt hier gewaltlos?“, ruft sie aufgebracht. „Wo die Truppen schon bereit standen! Meinecke hätte nur den Befehl geben brauchen. Die haben doch schon darauf gewartet …“
„Ach so läuft der Hase“, sagt der Mann aus dem Rheinland.
Alle diskutieren jetzt wild durcheinander. Ich merke, wie mir der Alkohol zu Kopf steigt. Ich frage ihn, ob er auch extra wegen der Feier am Brandenburger Tor angereist sei.
„Na klar“, sagt er.
Ich freue mich, dass es Menschen in meinem Alter gibt, die dieselben Interessen haben wie ich. Die so verrückte Sachen machen, auch wenn sie nicht mehr 20 Jahre, sondern mehr als doppelt so alt sind.
Unentwegt fahren jetzt die Krankenwagen Ich achte anfangs nicht so darauf, denke es ist so üblich, wegen der vielen Menschen, die sich hier aufhalten.
Man redet davon, dass Unter den Linden im Gebüsch ein Toter gefunden wurde. Außerdem gibt es viele Verletzte, die versucht haben, auf die Quadriga zu steigen. Das Gestänge des Gerüstes hat das nicht überstanden und ist zusammengebrochen.
Die Zeit ist wie im Fluge vergangen. Das Feuerwerk ist vorbei. Den Rheinländer verlieren wir in einer Menschenansammlung, als wir weitergehen. Wir bewegen uns in Richtung des Brandenburger Tores.
„Es tut mir leid, dass ich dir den letzten Schluck Sekt ausgetrunken habe“, sage ich zu Thorsten und wir bleiben stehen. Zum erstenmal sehe ich ihm richtig ins Gesicht. Es ist mir seltsam bekannt und vertraut. Ein Gefühl kommt in mir hoch, das ich längst verdrängte. Etwas aus der Vergangenheit brodelt aus den Tiefen meines Unterbewusstseins hoch. Es verschlägt mir den Atem.
Thorsten kommt näher, zieht eine Flasche Weinbrand aus seiner blauen Beuteltasche. „Ick hab noch mehr. Komm, trink!“
Wir stehen da. Er hält mir die Flasche hin. Ich will die aufkommenden Gefühle verdrängen und nehme einen kräftigen Schluck. Ich wende mich ab und sehe, dass die Menschen um uns sich verstreuen. Einige bilden kleine Gruppen. Langsam gehe ich weiter. Nur nicht nachdenken.
„Wo bloß unser Freund geblieben ist, der aus dem Rheinland“, sage ich ablenkend, „er ist schon 45.“
„Du bist schließlich ooch nicht mehr die Jüngste“, stellt Thorsten fest und grinst.
„Du sagst wenigstens ehrlich, was du denkst“, bemerke ich.
Thorsten bleibt erneut stehen. „Ick will nur meine Kontaktlinsen einmachen. Im Westen will ick Kontaktlinsen tragen. Da kann ick besser sehen.“
Er bückt sich, steckt seine Brille weg und holt eine kleine rote Schachtel aus dem Taschenbeutel. Es dauert nicht lange und er hat die Linsen eingesetzt. „Sie sind aus Plaste“, sagt er, „und schon ein bisschen abjenutzt. Müsste mir mal neue besorjen. Sie verrutschen mir dauernd.“
Ich betrachte Thorsten im Licht. Er ist ein hübscher Junge mit dunkelblondem, etwas fülligem Haar. Eine widerspenstige Strähne fällt ihm ins Gesicht.
Ich beginne zu zittern. Es ist nicht von der Kälte. Das Zittern kommt von innen.
Gerau wie … wie … Martin sieht er aus.
Nein, nicht möglich. Unmöglich! Der Boden dreht sich unter mir.
„Darf ich dich ein bisschen beschützen“, fragt Thorsten, „es sind so viele Leute unterwegs.“
Ich schlucke. „Wenn du willst  …“
Thorsten ist Martin wie aus dem Gesicht geschnitten; aber er ist nicht Martin. Was ist mit Martin geschehen …, damals?

Plötzlich schrumpft die Zeit zusammen. Ich bin 15 und ich lerne Martin kennen, weil das große Unglück geschah …