Die Katastrophe meines Jahrhunderts
und andere Geschichten nebst Gedichten
Reihe: Erinnerungen
192 Seiten, Taschenbuch (Paperback)
EUR 12,90 · ISBN 978-3-8280-2770-1
Die Katastrophe meines Jahrhunderts I
Die Katastrophe war längst im Gange, als ich 1935 das grelle Licht der unheilen Welt erblickte. Als Deutscher. Da stand mir einiges bevor! Begonnen hatte alles ganz woanders, 1914, mit den Schüssen des Attentäters Princip auf den österreichischen Thronfolger und dessen Frau in Sarajewo. Von einem Großserbien träumende Nationalisten hatten sich zum Morden berufen gefühlt, um die Landkarte Europas zu verändern – zu ihren Gunsten natürlich. Die Veränderungen wurden gewaltig, und das dann vor allem zuungunsten Deutschlands, von dem nach Amputationen rundum schließlich nur noch ein Rumpf bleiben sollte – daneben noch Österreich, ebenfalls im Zustand nach schmerzhaften Amputationen. Ich selbst lebte zufällig in der Mitte und entging dem Skalpell. Die Katastrophe hatte zwei Akte. Sie nannten sich Weltkrieg I und Weltkrieg II, und dann gab es noch ein Nachspiel durch Jahrzehnte der Teilung des deutschen Restrumpfes. Kein Wunder, dass man sich Gedanken machte, was wohl die weiteren Ursachen des ganzen Desasters gewesen sein mögen. Ich denke, da muss man sich die Mühe machen, zurückzugehen in frühere Jahrhunderte – bis zu einer anderen Katastrophe, die Deutschland fürchterlich getroffen hatte. Ich meine den Dreißigjährigen Krieg. Was wissen die meisten Deutschen heute noch von diesem? Sie kennen vielleicht höchstens die Scherzfrage: „Wie lange dauerte der Dreißigjährige Krieg?“ In jenen Jahren aber, 1618 bis 1648, war den Menschen hierzulande alles Scherzen vergangen. Während vorgeblich um Religion, hauptsächlich aber um europäische Machtinteressen gemetzelt wurde, kamen die Menschen massenhaft und jämmerlich zu Tode durch bestialische Gräueltaten, durch Hunger, Kälte und Seuchen. Um ein Drittel war am Ende die Bevölkerung geschrumpft, und das erste Reich der Deutschen, das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“, verblieb danach extrem geschwächt. Es gab einen, der das ausnutzte: Ludwig XIV. von Frankreich, der sich in aller Bescheidenheit „Sonnenkönig“ nennen ließ. Dieser eignete sich das gesamte Elsass an, das vom deutschen Stamm der Alemannen bewohnt war, wie ebenso auch Baden auf der rechten Rheinseite. Zuletzt besetzte er 1681 ohne den geringsten Schimmer einer Berechtigung Straßburg. Die tapferen Schneider der Stadt hatten eine Verteidigung durch die Bürger gefordert, waren aber angesichts der Aussichtslosigkeit gegenüber Ludwigs Heer überstimmt worden. Der deutsche Kaiser konnte nicht helfen, zumal er durch die türkische Gefahr vom Balkan her gebunden war: 1683 wurde dann die Haupt- und Kaiserstadt Wien zum zweiten Mal von den türkischen Truppen belagert. Der französische Ludwig aber wollte noch viel mehr. Er wollte sogar rechtsrheinische Gebiete. Als er deren Eroberung nicht mehr schaffte und sie also nicht besitzen konnte, ließ er sie wenigstens verwüsten: Er schickte seinen General Mélac los zur „Verwüstung der Pfalz“. Die uns heute malerisch erscheinende Ruine des Heidelberger Schlosses zeugt teilweise noch davon. Schlimmer aber als solche Ruinen war die Verwüstung des Verhältnisses zwischen den beiden Völkern, dem deutschen und dem französischen, die doch einst unter Karl dem Großen gemeinsam in einem Reich gelebt hatten. Nun entstand zwischen ihnen die „Erbfeindschaft“, die bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts anhalten sollte. In meiner Kindheit war das Wissen um diese historischen Ereignisse noch sehr präsent und beeinflusste das Denken der Menschen. Das galt besonders für die Verschärfung der „Erbfeindschaft“ durch Napoleon I. und die Befreiungskriege gegen diesen Eroberer. Damals waren wir Deutschen noch „die Guten“ – ein schönes Gefühl, das dann in der jüngeren Vergangenheit so gründlich zerstört wurde. Das erste deutsche Reich, das „Heilige Römische“, hatte durch Napoleons Walten aufgehört zu existieren, 1806. Was für die nächsten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts blieb, war in der Mitte Europas ein Flickenteppich aus Kleinstaaten. Zwar sprach man damals auch von „den beiden deutschen Großmächten“, womit man Preußen meinte und Österreich, welches allerdings in den Vielvölkerstaat der Donaumonarchie zusammen mit den Ungarn und verschiedenen slawischen Völkern eingebunden war. „Groß“ hatte hier aber nur relativen Belang gegenüber den kleineren und kleinsten deutschen Fürstentümern, um die die beiden größeren im Streben nach Einflussnahme konkurrierten, 1866 sogar kämpften. In Bezug auf Europa oder gar die Welt waren das keineswegs Großmächte. Im europäischen Maßstab lag in der Mitte des Kontinents, im Land der Deutschen, ein Machtvakuum vor. (Der „Deutsche Bund“ damals war nicht mit einem handlungsfähigen Staat vergleichbar.) Die etablierten europäischen Mächte Großbritannien und Frankreich gewöhnten sich schnell und gern an diese Situation. Dass es kein deutsches Reich mehr gab, erschien ihnen ideal und daher bald als unverzichtbarer Normalzustand. Ein weiterer Konkurrent um die Macht in Europa und Übersee war sicher das Letzte, was sie sich gewünscht hätten. 1871 passierte es aber dann. Nach dem Sieg über den Angreifer Napoleon III. gelang Bismarck eine neue Reichsgründung mit dem preußischen König als Kaiser. Dieses zweite Reich war zwar nur ein kleindeutsches, ohne Österreich – groß genug aber, um in seiner Existenz von vornherein unerwünscht zu sein bei den anderen Mächten. Schließlich war schon die Einwohnerzahl Deutschlands größer als die Englands oder Frankreichs, und auch qualitativ setzten sich die Deutschen in den modernen Entwicklungen bald an die Spitze, besonders in Wissenschaft und Technik. „Made in Germany“ wurde zum begehrtesten Warenzeichen. Umgeben von Missgunst und Neid, hätte für die deutsche Politik die wichtigste Devise sein müssen: Vorsicht, Vorsicht und nochmals Vorsicht! Bismarck erkannte und beherzigte das noch. Er kümmerte sich vorrangig um eine ausgewogene Vertragspolitik. Besonders wichtig war der „Rückversicherungsvertrag“ mit Russland, denn die größte Gefahr drohte im Westen, von Frankreich, nachdem sich Deutschland 1871 Elsass-Lothringen zurückgeholt hatte. Revanchisten, die diesen Spieß bei der nächsten Gelegenheit wieder umdrehen wollten, gewannen in Frankreich immer mehr Einfluss. Hätte Deutschland statt der Männlein, die 1914 in Berlin die Politik bestimmten, noch einen Kanzler vom Format Bismarcks gehabt, dann hätte es sich wohl kaum in einen Krieg wegen des Balkan-Konflikts hineinziehen lassen, auch nicht nach dem Attentat von Sarajewo. Von Bismarck ist der Spruch überliefert, dass das „Pulverfass“ Balkan nicht die Knochen eines einzigen deutschen Soldaten wert sei. Auch England störte sich zunehmend am Deutschen Reich und an der Politik, die nach dem Sturz Bismarcks (1890) der letzte Kaiser, Wilhelm II., betrieb. Wilhelm war ein enger Verwandter der britischen Königsfamilie und hatte ganz ähnliche Neigungen wie diese. So wollte er auch so eine schöne Flotte mit großen Schlachtschiffen haben wie seine Verwandten. Einen Krieg gegen England wünschte er mit Sicherheit nicht, aber gleichziehen wollte er auf den Weltmeeren im Zeitalter des Imperialismus und Kolonialismus. Den Engländern fehlte dafür jedes Verständnis. Ihnen reichten schon die großen Ansprüche Frankreichs bei der Aufteilung Afrikas und andere Belästigungen der britischen Vormacht auf dem Globus. Übrigens sorgte Wilhelm II. leider auch dafür, dass sein Kaiserreich einige unsympathisch wirkende Züge aufwies: Er liebte angeberisch-protzigen Pomp und ließ deutschen Militarismus pflegen, hinter dem sich allerdings der britische Militarismus durchaus nicht zu verstecken brauchte.
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