Die Katastrophe meines Jahrhunderts
und andere Geschichten nebst Gedichten
Reihe: Erinnerungen
192 Seiten, Taschenbuch (Paperback)
EUR 12,90 · ISBN 978-3-8280-2770-1
Die Katastrophe meines Jahrhunderts IX - Der letzte Feldpostbrief meines Vaters
Der letzte Feldpostbrief meines Vaters Rudolf Bjarsch, geb. am 14.02.1908, gefallen am 07.02.1943 in Bosnien, wo er zusammen mit Kroaten gegen Titos Partisanenarmee kämpfen musste.
5.2.1943 Meine liebste Frau, mein guter Hubert! Es ist sechs Uhr abends. Ich liege vor einem ungeheuer großen Waldgebirge in einer ehemals serbischen Schule auf Heu, habe vor mir ein Brett, und trübe brennt eine Petroleumlampe. Ein ganz seltenes Glück: Habe gerade vom Verpflegungswagen drei liebe Briefe von Euch erhalten. Der letzte Brief ist datiert vom 26.01. Ich bin Euch sehr dankbar, dass ich Post bekomme. Es ist ja sehr selten. Aber Ihr dürft nicht unruhig werden, wenn Ihr einmal keine Post von mir erhaltet. Es ist nur Zufall, dass ich heute einmal einen Briefumschlag mit Schreibpapier bekommen habe. Sorgt Euch nicht unnötig um Euch! Unser Schicksal ist sowieso bestimmt, und kein Mensch kann etwas daran ändern. Wir sind hier nun in einem regelrechten Feldzuge. Das haben selbst wir im Anfang nicht gesehen. Soldatisch wird von uns das Schwerste verlangt, was man überhaupt vom Soldaten verlangen kann. Und alles, was ich so im Film einst gesehen habe, das habe ich inzwischen längst schon gemacht. Dazu haben wir heute das erste Mal das Glück gehabt, zehn Kilometer auf einer Straße zu marschieren. Sonst geht es querbeet über Tal und Berg–und lieber Himmel, was sind das für Gebirge und was sind das für Schluchten! Vor drei Tagen haben wir die ganze Nacht auf einem Hügel gelegen.
Die Una bei Bosnisch Krupa (1977) Siehst Du, jetzt ist es schon der 06.02.43 geworden. Man kommt vor lauter Arbeit nicht zum Schreiben. Aber ich will weitererzählen: Mitten in der Nacht auf dem Hügel kam ein furchtbares Gewitter mit Regengüssen. Wir waren vollständig durchweicht. Früh hofften wir in die Quartiere zu kommen. Wir sollten eigentlich einen Tag Ruhe haben, denn hinter uns lagen anstrengende Märsche. Da kam der Befehl, sofort vorzustoßen. Eine deutsche Einheit war von Partisanen eingeschlossen. Nun sind wir marschiert zwei Tage und zwei Nächte. Die Wege so voll Dreck, dass wir bis zu den Knien nur noch Schlagbein hatten. Meine Hosen bekomme ich im Leben nicht mehr sauber. Und Gott, was heißt marschiert? Wir hatten fortgesetzt Widerstände überwinden müssen. Vor uns sahen wir, wie Flieger die eingeschlossenen Truppen mit Lebensmitteln und Munitionsbomben versorgten, wie die Leuchtkugeln immer den Standort anzeigten. Wir mussten vor. Vielleicht geht es uns morgen schon so, und wir sind auf Kameraden angewiesen, die uns wieder herausschlagen. Endlich hatten wir sie erreicht. Die Freude war groß! Der Verband hatte schon starke Verluste. Ich habe dabei wieder einmal Schwein gehabt. Am 04.02. musste ich über einen Hügel vorgehen. Als ich ihn überschritten hatte, bekam ich plötzlich Feuer von rechts, von links und von vorn. Also Schnauze in den Dreck! Dann geguckt. Rechts war die Entfernung groß, links war die Entfernung noch größer. Also diese Maschinengewehre waren nicht gerade gefährlich. Aber vor uns saß etwas! Und dieser Hund schoss, wie ich merkte, mit Explosivgeschossen. Das knallt ganz schön! Und dann spritzt es. 20 cm neben meinem linken Bein ging eins in die Erde. Also weiter vor! Endlich hatte ich eine kleine Rinne als Deckung. Ich hätte für eine Ackerfurche 100 Mark geboten. Hier habe ich dann warten müssen, bis die anderen Verbände das Nest vor mir ausgeschaltet hatten. Na, dafür habe ich dann in einer schönen Deckung gelegen, habe mich von der Sonne bescheinen lassen und trocknen lassen. Es war so schön warm; habe gegessen und eine Zigarette geraucht und sogar ein bisschen geschlafen. Wir mussten nämlich warten, bis unsere Flanken frei gekämpft waren. Aber Angst braucht Ihr nicht zu haben! Ihr werdet wohl nun so langsam gemerkt haben, dass ich gar nicht dazu kommen kann, Euch etwas zu schicken. Wir marschieren und kämpfen und halten Nachtwache und igeln uns ein. Wir sehen viel, aber wir haben nie Zeit. Seit 15.01. habe ich die Feldküche nicht mehr gesehen. Das heißt auch, dass wir kein Mittagessen mehr gehabt haben. Wir essen frühmorgens ein wenig, sind froh, wenn ein Wagen mit Brot durchkommt, und das sind Heldenstücke, das nach vorn zu bringen!
Bosnisch Krupa (1977) Unterwegs wird bei der kurzen Rast, die vor jedem Angriff liegt, in der Bereitstellung schnell noch etwas gegessen. Wir trinken schmutziges Regenwasser; finden wir einen Brunnen, dann ist das Wasser grasgrün und schmutzig. Aber was hilft es! Wir haben uns schon tagelang nicht mehr gewaschen und haben auch kein Bedürfnis danach. Ob meine Hände je wieder sauber werden, bezweifle ich. Ich habe nun schon so ziemlich alles hinter mir, was der Infanterist leisten kann. Ich bin im Schlauchboot über die Una und habe einen Brückenkopf gebildet. Dort war es übrigens interessant. Dort liegt die Stadt Bosnisch-Krupa. Es muss im Frieden ein wunderschönes Fleckchen Erde gewesen sein. Zwei Minarette und eine katholische Kirche waren in den Trümmern noch zu erkennen. Sonst die ganze Stadt ein Trümmerhaufen. Was nicht verbrannt war, war buchstäblich verwüstet worden. Das Krankenhaus, es war nur klein, war unvorstellbar beschmutzt. Das ist nicht mehr Kommunismus, was hier vor uns tobt, das ist Nihilismus in seiner schlimmsten Form. Wir haben in einem Sägewerk gelegen in Krupa. Es war vollständig niedergebrannt. Doch drei Gatter und ein Horizontalgatter hatten das Feuer gut überstanden. Völlig unversehrt war die Lokomobile. 30 PS hat sie und war von Wolf aus Magdeburg. Genau wie die Lokomobile in Camina. (Anmerkungen: Ein Halbbruder meines Vaters, Theo, kurz vor ihm gefallen in Stalingrad, hatte ein Sägewerk in dem Dorf Camina bei Bautzen. 1945 wurde auch dieses niedergebrannt. Eine Lokomobile war eine große Dampfmaschine – sah aus wie eine alte Dampflok ohne Räder.) 13 Menschen lebten noch in der Stadt, davon war einer ein Mädchen von fünf Jahren. Ihr könnt Euch das alles nicht vorstellen! Spanien ist nicht schlimmer gewesen! Wenn wir in ein Nest kommen, das durch irgendeinen Zufall von den Partisanen verschont geblieben ist, dann tragen uns die Männer, die Kinder, die Greise die Munitionskisten, die Maschinengewehre, die Granatwerfer, nur damit wir schneller vorwärtskommen sollen, helfen, helfen! Es ist meist zu spät. Der Himmel bewahre unsere Heimat vor diesen Kommunisten! Mir darf in meinem Leben niemand mehr ein Wort vom Kommunismus sagen! Hier die Schule wie alle Ruinen mit Überschriften übersät. Überall leuchtet der Sowjetstern, überall Hammer und Sichel. Überall aber auch Zerstörung und Verwüstung und Verschmutzung. Das sind irrsinnige Teufel! Frauen sollen in Männerkleidung dabei sein. Wir haben unter den Toten vor uns freilich noch keine gefunden. Aber die Posten bekommen oft zugerufen, sie sollten nur „hinüberkommen“, es gäbe „schöne Mädchen“ in Hülle und Fülle. Das kann ich mir denken! Draußen im Hof steht ein Panzer. Er hat gestern einen Treffer bekommen, aber der ist nicht durchgegangen. Der Feldwebel darin hat eine winzige Verletzung. Die anderen kommen hinten angerollt. In ihrem Schutz werden wir uns weiterkämpfen. Also lebt wohl! Unser Verpflegungsmann wartet; er fährt wieder hinter und holt neues Brot. Vielleicht sehen wir ihn in zwei bis drei Tagen schon wieder. Ob er mir dann wieder Post von Euch bringt? Ich habe als einzige Freude nur noch Eure Post. Wir werden noch Wochen und Monate brauchen, ehe wir wieder in Ruhe liegen. Schreibt doch bitte oft! Einmal bekomme ich es schon. Grüßt alle schön! Dass Theo nicht mehr wiederkommen soll, will ich noch nicht glauben. Niemand kann die Verhältnisse durchschauen. Wann wird man Dich zum Pflichtdienst einberufen? Sorge rechtzeitig vor und sieh Dich nach angemessener Arbeit um, damit Du bei Hubert bleiben kannst! Du musst nur auf Hubert aufpassen! Euer Vati
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