Ein Überlebender, unverschämt

Eine heiße Geschichte
Reihe: Erinnerungen
272 Seiten, Taschenbuch (Paperback)
EUR 12,90 · ISBN 978-3-8280-2372-7

Frieden - Passage I

Interessieren Sie sich zufällig für das 20. Jahrhundert? Eine irre Zeit! Tausendjährig und noch länger und schubweise völlig irre geworden! Das Jahrhundert, in dem zum ersten Mal der gesamten Menschheit die Vernichtung drohte – „Overkill“ –, in dem wir dem Tod aber doch von der Schippe sprangen – wir, die das noch sagen können. In der ersten Hälfte kam ich zur Welt, ganz unverhofft. September 1935. Bautzen. Hauptstadt der Oberlausitz. Zu Hause im Schlafzimmer. Mein Vater wollte unbedingt dabei sein bei der Geburt, und das war damals in einer Klinik ganz ausgeschlossen. Das ging nur bei einer „Hausgeburt“. Der Frauenarzt kam persönlich in die Wohnung. Meine Mutter – zum ersten und letzten Mal schwanger – quälte sich sehr. Dann erschien mit dem Kopf voran das erwartete Kind. Aber das war nicht ich. Es war mein älterer Bruder – eine Viertelstunde älter. Als meine Mutter nun dachte, sie hätte alles überstanden, sagte der Arzt kühl (zu jener Zeit sagte man noch „kühl“ statt „cool“): „So, jetzt kommt gleich der Nächste.“ Heute würde man es hierzulande wohl immer schon wissen, wenn Zwillinge unterwegs sind, damals offenbar nicht immer. Schlamperei vielleicht, Untersuchungen nicht gründlich genug. Ultraschall kannten nur die Physiker und die Fledermäuse.

Jedenfalls kam ich nun noch an, ans Licht einer merkwürdigen Welt, unerwartet, einem Überraschungsei entschlüpft. Angesichts der Zwillinge war der erste Namenseinfall meiner Eltern ein echter Knaller, ein Schuss aus dem Busch: Max und Moritz. Davon kamen sie allerdings schnell wieder ab und mein Bruder sollte nun Christian heißen, ich Hubert. Wir waren wohl zweieiig. Schon die Nasenform soll sehr unterschiedlich gewesen sein, wie mir berichtet wurde. Während ich zunächst einen noch sehr entwicklungsbedürftigen Stupsnasenansatz aufwies, hatte mein Bruder gleich ein ausgeprägtes kleines Näschen mitgebracht. Später hätte er dann vermutlich einen Zinken im Gesicht gehabt wie mein Urgroßvater. Aber so weit kam es nicht.

Christian lief schon nach wenigen Stunden blau an, musste ins Krankenhaus, Notaufnahme, dort in den Inkubator – „Brutkasten“. Es half alles nichts. Nottaufe. Er wurde nur drei Tage alt und hinterließ mich als Einzelkind. Ich sagte als größerer Junge dann manchmal, dass ich – nach ihm unten angekommen – vorher ja neun Monate lang auf dem armen Bruder draufgelegen haben dürfte und dass der das wohl letzten Endes nicht ausgehalten habe. Das sollte natürlich ein Scherz sein. Einen Scherz darüber meinte ich mir erlauben zu können, da ich das Brüderchen ja nie bewusst gekannt hatte.

Nicht zum Scherzen zumute war es damals neben den anderen Angehörigen auch meiner Großmutter mütterlicherseits, als sie von dem Todesfall erfuhr. Bedauernd soll sie ausgerufen haben: „Ach! Und ausgerechnet der mit dem niedlichen Näschen!“ Was ja zugleich bedeutet: Wenn schon einer der Zwillinge ins Gras beißen musste, dann hätte ich das doch lieber sein sollen! Ich konnte die alte Frau mit dem zerfurchten Faltengesicht und den tief liegenden Augen später nie leiden. Sie war herrisch und rechthaberisch. Wenn die Erwachsenen verschiedener Meinung waren und diese Oma für ihre Meinung kein Argument mehr hatte, pflegte sie lautstark und mit schneidender Stimme die wenig geistreiche Wortfolge auszurufen: „Ach, was da, was dort!“

Diese Redewendung galt ihr als Universalargument, das durch nichts auf der Welt mehr zu widerlegen war. Damit verkündete die Alte, dass sie und nur sie Recht hatte, was ihr und nur ihr immer zustand, prinzipiell. Ein familiäres Grundgesetz, das mit einem einzigen Artikel auskam: „Ach, was da, was dort!“ Jetzt bin ich aber vor Ärger zu schnell in die Zukunft geschossen – ich muss rasch zurück; ich war ja gerade erst zur Welt gekommen. Eine Weile war ich dann Säugling, wie üblich – in der Erinnerung natürlich Fehlanzeige, Dunkelheit.