Gedicht des Monats November
Ein surrealistisches Gedicht aus dem Lyrikband von René Sommer „Schwarzer Prinz und Grünes Zebra“
Die Tücke der Perücke
In einem Kuhdorf, fast ohne
Menschen,
ohne Restaurant, Laden,
Apotheke
bringt Andy Warhol Brot, Medikamente
und die Zeitung von gestern
mit.
Er verbirgt sich unter der
schlohweißen
Perücke und hinter der
Sonnenbrille.
Dabei zerknautscht er das
Gesicht
und setzt sich eine
Bananenschale
auf den Kopf. Ein Müllberg
aus alten
Zigarettenschachteln, Bauschutt,
Tausenden von bunten Flyern,
den Resten einer
Flugzeugkabine
mit Gepäckstücken, die von der
Decke baumeln,
versperrt ihm den Weg.
Mitten im Dorf steht die
Galerie,
worin er ein Bett ausstellt.
Vor der Treppe sitzt Brentani
am Schreibtisch,
schiebt ein paar umfangreich
Puzzleteile hin und her,
bevor er unter die blütenweiße
Decke schlüpft
und für Warhols neusten Film
schläft.
In einem gut gesicherten
Antennenwald
horcht der Geheimdienst die
Gespräche ab,
manipuliert das Wetter mit
Mikrowellen
und einer Riesenwindmühle.
aus:
René Sommer:
Schwarzer Prinz und
Grünes Zebra
Surrealistische
Gedichte
Reihe: Lyrik
64 Seiten, Taschenbuch
(Paperback)
EUR 6,80 · ISBN
978-3-8280-2970-5
