Gedicht des Monats November

31.10.2011

Ein surrealistisches Gedicht aus dem Lyrikband von René Sommer „Schwarzer Prinz und Grünes Zebra“

Die Tücke der Perücke

 

In einem Kuhdorf, fast ohne Menschen,
ohne Restaurant, Laden, Apotheke
bringt Andy Warhol Brot, Medikamente
und die Zeitung von gestern mit.
Er verbirgt sich unter der schlohweißen
Perücke und hinter der Sonnenbrille.
Dabei zerknautscht er das Gesicht
und setzt sich eine Bananenschale
auf den Kopf. Ein Müllberg
aus alten Zigarettenschachteln, Bauschutt,
Tausenden von bunten Flyern,
den Resten einer Flugzeugkabine
mit Gepäckstücken, die von der Decke baumeln,
versperrt ihm den Weg.

Mitten im Dorf steht die Galerie,
worin er ein Bett ausstellt.
Vor der Treppe sitzt Brentani am Schreibtisch,
schiebt ein paar umfangreich
Puzzleteile hin und her,
bevor er unter die blütenweiße Decke schlüpft
und für Warhols neusten Film schläft.

In einem gut gesicherten Antennenwald
horcht der Geheimdienst die Gespräche ab,
manipuliert das Wetter mit Mikrowellen
und einer Riesenwindmühle.

 

aus:

René Sommer:
Schwarzer Prinz und Grünes Zebra

Surrealistische Gedichte
Reihe: Lyrik
64 Seiten, Taschenbuch (Paperback)

 

 


EUR 6,80 · ISBN 978-3-8280-2970-5