Gedicht des Monats Februar
Der Mann im Mond
Ach, die Kindheit ist verloren,
starb durch unsres Geistes Macht.
In Einfalt wurden wir geboren,
und Gott im Himmel droben wacht.
Ein Vollmond schien in unser Zimmer,
der Mann im Mond lächelt uns zu;
in seines Lichtstrahls Silberschimmer
fanden wir des Schlafes Ruh’.
Auch wenn ein Halbmond droben stand,
saß stumm ein Engelkind,
wiegend sich in seiner Hand,
sorgend, daß geschützt wir sind.
Hunderttausend goldne Sterne
an dem großen Himmelszelt
leuchteten in weiter Ferne,
daß der Menschheit es gefällt.
Jede dieser goldnen Kerzen
eines Wesens Seele ist,
das gewohnt in unsren Herzen,
während du ein Kind noch bist.
Wo ist heut der Mann geblieben,
der doch einst im Mond gewohnt?
Sicherlich ist er vertrieben,
seit der Mensch dort oben thront.
Raumschiffe und deren Fracht,
Unrat, Abfall, andrer Dreck
unsren Mondmann traurig macht,
zog somit für immer weg.
Auch die goldne Sternenpracht
hat verloren ihre Seelen,
und kein Engel hält mehr Wacht,
da die Traumbilder uns fehlen.
Gedicht entnommen aus:
George Kuester:
Die Schmunzelecke
Gedichte zur Zeit
Reihe: Lyrik
160 Seiten, Taschenbuch (Paperback)
EUR 11,90 · ISBN 978-3-8280-2880-7
