Gedicht des Monats März

01.03.2011

Ein Auszug aus „Schnurlos“ von Ursula Eisenberg

 

Schnurlos

 

Humboldt-Hain.
Einer steigt ein,
in seiner Hose ein winziger Schrein,
da passt die Masse der Menschheit rein.
Hörst Du das Zeichen, das aus ihm dringt,
das entfernt nach „Elise“ klingt?
„Hallo?“ er hat sich hingesetzt,
ist nun vernetzt.

Nebenan
kräht ein Hahn.
Drüben: Sanftes Saxophon-Dunkel.
Hinten: Simon und Garfunkel.
Vorne: Einfach nur „Tralala“
und dann immer das fragende: „Ja?“
… also, ich bin in der S-Bahn jetzt.“
Sie sind vernetzt.

Es wird geantwortet und gefragt,
es wird geredet und nicht viel gesagt,
es wird gebeten oder befohlen,
es wird gehandelt, es wird gestohlen,
es wird gelogen, es wird gepetzt,
es wird gestichelt und aufgehetzt.
Man ist vernetzt.

Klingelzeichen. Moll oder Dur.
Nabelschnüre ganz ohne Schnur,
Lover und Enkel, Hamburg, Taiwan
docken hier in der S-Bahn an –
manchmal vergeblich. Man ist schon besetzt,
doch immer: Vernetzt.

Nehmen wir an: Ein Bahnhof ist leer.
Einsam geht jemand hin und her,
hat jede Menge zu berichten:
Klatsch und Tratsch, Anekdoten, Geschichten.
Früher hätt‘ man den festgesetzt.
Jetzt
hält man ihn für vernetzt.
Ich bin die Einzige weit und breit,
die völlig frei ist von Schnurlosigkeit,
unempfänglich für klingende Zeichen.
Niemand könnte mich hier erreichen,
wäre er noch so schwer verletzt,
ginge es sogar um Leben und Leichen…
… bin nicht vernetzt.

Auch in dem Fall, dass ich etwas will,
bleibe ich wortfrei, sprachlos und still.
Niemand, den’s angeht, könnte mich hören –
wozu soll ich die Umwelt dann stören?
Wäre doch bloß in den Sand gesetzt…
…bin nicht vernetzt.

Wenn ich was wollte, müsste ich schrein,
aber das würde wohl sinnlos sein.
Schnurlose Schnüre schnüren mich ein
in ein Kokon. Bleibe starr und allein,
während die Wimmelnden kommunizieren.
Will jemand mit mir telefonieren,
merkt er, er hat sich in mir verschätzt:

Gar nicht vernetzt.

 

P. S.

Dieses Gesicht – da muss ich mal lästern –
ist ja inzwischen von übergestern.
Heutzutage kann man sich schreiben.
Photos sind hinter winzigen Scheiben.
Schnurlos – das stelle man sich einmal vor –
wird gespeichert in einem Tresor
was einmal wird, was ist, was gewesen.
Es lässt sich hören, sehen und lesen.
Morgen kann man sich schnurlos küssen,
füttern, streicheln, schlagen, bepissen
und natürlich auch Kinder machen,
Fische fangen und solche Sachen.

Ganz neue Wege für Dich und Dich.
Schnurlos vereinsamt dazwischen: Ich.

 

 


entnommen aus:

Ursula Eisenberg, 100 Gedichte vom Zustand der Welt. Tierisches, Menschliches, Sachliches und Fantastisches
ISBN 978-3-8280-2899-9