Weihnachten damals und heute

15.12.2009

Die besondere Geschichte zum Fest von unserem Autor Werner Buys

Werner Buys

Julchen

Eine Erzählung mit und von Julchen Weihnachten an 1944 und 2007

 
Wer ist Julchen, und wer bin ich, der Erzähler dieser authentischen, wahren Geschichte?

Erstens: Julchen ist eine von ihrer Puppenmutter über alles geliebte “Kriegspuppe”.

Zweitens: Ich, der Erzähler, bin im eigentlichen Sinne der Großvati von Julchen, also der Vati der Puppenmutter, meiner lieben Tochter Heike.

Mithilfe meiner Tochter will ich zu erklären versuchen, wie Julchen aussah, wie sie das lieblichste Wesen ihrer Puppenmutter wurde.

 

Wir glauben, dass Julchen von meiner Frau gefertigt wurde. Sie hatte einen weichen Körper, Arme und Beine, auch ein liebevolles Gesicht und war ungefähr 25 bis 30 Zentimeter groß. Meine Tochter bekam Julchen, als sie etwa zwei Jahre alt gewesen sein muss. Der Puppenkörper war weich, zugleich aber auch fest, und Julchen wurde innerhalb weniger Jahre, in denen sie liebevoll geherzt wurde, immer weicher und wohl auch immer schöner!

Kriegsbedingt konnte unsere kleine Familie – meine Frau, meine Tochter und ich – bis zum Kriegsende nicht immer zusammenleben. Von Julchen und uns ist aber noch Wichtiges und Schönes zu berichten.

Das Vorleben von Julchen, über das ich berichte, kam ganz spontan zur Sprache, als meine Tochter am Neujahrstag 2008 über das, was in den Jahren zuvor geschehen war, der ganzen Familie, den Kindern und Enkeln in ihrem Haus erzählte. In den letzten Jahren war es Tradition gewesen, dass die ganze Familie den Weihnachtsabend bei ihr feierte. Nachdem nun meine Urenkel, jetzt vier, geboren waren, fand dort jeweils die Bescherung statt.

Voller Erwartung mussten am Heiligen Abend immer alle in der Küche warten, bis ich alles gerichtet, die Kerzen an dem liebevoll geschmückten Weihnachtsbaum entzündet und eine wohlklingende und schön gegossenen Glocke geläutet hatte. Dann wurden die Geschenke, die unter dem Weihnachtsbaum lagen, von den Kindern ausgepackt. Die Freude war groß, und das Auspacken nahm längere Zeit in Anspruch.

In den letzten Jahren hatte meine Tochter die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, wenn die Kinder sich beruhigt hatten. In diesem Jahr aber waren der Ablauf der Weihnachtsfeier und das Zusammensein am Neujahrstag anders. Um meine Tochter zu entlasten, wurde die Weihnachtsfeier nunmehr im Hause meiner Enkeltochter durchgeführt. Das Zusammensein am Neujahrstag fand aber noch bei meiner Tochter statt. Der Lebensgefährte meiner Enkeltochter – er ist ein begeisterter Hobbykoch – sorgte für das leibliche Wohl aller.

Auf das Wesentliche meiner Erzählung komme ich jetzt zu sprechen.

Meine Tochter erkannte, dass die Weihnachtsgeschichte von den Kindern – es waren auch noch zwei weitere, die Kinder der Lebensgefährtin meines Enkels, also im Ganzen sechs Kinder im Alter von sieben bis zwölf Jahren anwesend – wohl nicht mehr so wie einst angenommen wird. An diesem Abend erzählte sie die Geschichte von Julchen. Es gibt dazu Fotos, auf denen zu sehen ist, mit welcher Aufmerksamkeit die Kinder der Geschichte von Julchen lauschten. Beim Erzählen zeigte meine Tochter mithilfe eines Atlas die zu der Geschichte gehörigen Gebiete. Auf dem Atlas konnte sie den Kindern auch zeigen, wo sich die Geschichte von Julchen an Weihnachten 1944 zugetragen hatte.

Ich hatte von dieser Idee meiner Tochter nicht gewusst und war später ganz ergriffen, hatte mich meine Vergangenheit doch wieder einmal eingeholt.

Für den Leser muss ich nun ganz weit in meine Vergangenheit ausholen. Nur so lässt sich erklären, wie es zu der Weihnachtslesung kam.

Ich befinde mich jetzt im 87. Lebensjahr und schaue oft in meine Vergangenheit zurück. Ich habe Freude an meiner großen Familie, zu der da zählen: Tochter, Enkel mit ihren Ehegatten, drei Enkel und vier Urenkel. Letztere leben in Belgien, wohin meine Tochter 1965 geheiratet hat. Der zweite Teil meiner Familie, mein Sohn mit seiner Familie, lebt wie ich in Berlin.

Ich erlebe das Heranwachsen meiner Urenkel noch in meinem hohen Alter ganz bewusst. Meine liebe und herzensgute Frau starb bereits 1981 und hat nicht mehr das Heranwachsen der Urenkel erleben können. So war die Weihnachtsgeschichte, dieser weite Sprung in die Vergangenheit, ein herzliches Erinnern nicht nur an Julchen.

Die Erzählung meiner Tochter an diesem Tag war auch im Wesentlichen eine Erinnerung an eine Weihnachtsfeier im Jahre 1944 im polnischen Sosnowitz, einer Industriestadt nahe Kattowitz. Wie kam es nun, dass ich mit meiner Frau und meiner Tochter dort in Polen an dieser Weihnachtsfeier 1944 teilnahm? Ich will versuchen, dies mit wenigen Ausführungen dem Leser darzulegen. Es wird mir möglicherweise nur unzureichend gelingen.

Meine Menschwerdung ist bis zum Mai 1945 – dem Kriegsende, das für mich durch das Ende des Naziregimes zugleich die Befreiung war – oft mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden. Nur so viel muss doch erwähnt werden: Mein Blut war nicht “deutsch” genug. Wenn ich oben von “meiner Frau” geschrieben habe, ist das nicht ganz richtig. Wir lebten in keiner vom Deutschen Reich gebilligten Ehe. Uns war es erst nach der Befreiung durch die Alliierten 1945 möglich, die Ehe vor dem Standesamt zu schließen. Unter Strafandrohung – ich war auch nach der Geburt meiner Tochter kurze Zeit in Gestapo-Haft – erlebten wir mit Duldung von Menschen, in diesem Fall auch Vorgesetzten meines Arbeitsbereiches, die sich ihre Menschlichkeit trotz des damals bestehenden Regimes bewahrt hatten, von Sommer 1944 bis Januar 1945 eine beinahe angstfreie, glückliche Zeit.

Im Herbst 1944 wurde im Betrieb aus einem nebensächlichen Anlass dann doch meine Vergangenheit bekannt. Der Eroberungskrieg des Naziregimes hatte sich gewendet, und die deutschen Heere befanden sich auf dem Rückzug. Aus dem Bekanntwerden meiner nichtarischen Abstammung entstanden mir zu diesem Zeitpunkt keine Nachteile mehr.

Zur Weihnachtsfeier 1944 in Sosnowitz hatten die Betriebsleitung und die politische Führung des Betriebes geladen. Die deutschen Familien, die zu Weihnachten in Sosnowitz blieben und nicht nach Berlin reisten, wurden aufgefordert, von ihren Kindern Spielzeug zur Instandsetzung oder zur Erneuerung bei der NS-Betriebsgruppe abzugeben. Ich kam dem zunächst nicht nach, um nicht wie in der Vergangenheit schon des Öfteren Diskriminierung zu erfahren. Vom Leiter des NS-Betriebes wurde ich dann persönlich aufgefordert, Spielzeug meiner Tochter abzugeben, und so gab ich Julchen ab.

Bei der betrieblichen Weihnachtsfeier am Heiligen Abend 1944 wurden die Kinder mit dem abgegebenen Spielzeug beschenkt. Meine Frau und ich hatten das Gefühl, dass Julchen mit zwei besonders sorgfältig gefertigten Kleidern ausgestattet worden war. Darüber hinaus hatte man für Julchen noch ein Kinderbett mit dem dazugehörigen Bettzeug gefertigt.

Zu Beginn der Weihnachtsfeier erschien der Betriebsdirektor mit seiner Frau und nahm bei uns als einer eigentlichen “Nicht-Familie” Platz. Wir erlebten diesen Abend in guter Unterhaltung mit dem Ehepaar Z. und fühlten uns in die Gemeinschaft aufgenommen.

 

Werner Buys ist Autor des Buches

Ein Berliner blickt zurück
Erinnerungen 1921 bis 2001
Reihe: Erinnerungen
80 Seiten, Taschenbuch (Paperback)
EUR 6,00 · ISBN 978-3-8280-1721-4