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Sprache und das freie Denken – Was haben Lesen und Schreiben mit Demokratie zu tun?


Der Neusprech und die perfide Entmündigung des Menschen


Schon George Orwell macht in seiner Dystopie 1984 darauf aufmerksam: Eine eigene Sprache zu besitzen ist essentiell für das freie Denken und das Bilden einer eigenen Meinung.
In Orwells Klassiker entwickelt die Regierung den Neusprech. In dieser Sprache gibt es für jede zu benennende Sache nur noch ein einziges, genau festgelegtes Wort. Auch die Grammatik wird extrem vereinfacht, wodurch die Menschen beim Sprechen nicht einmal mehr denken müssen. Das Ziel hinter dem Neusprech ist es, die Ausdrucksmöglichkeit der Bürger stark zu beeinträchtigen. Diese haben im Endeffekt nicht einmal mehr den Wortschatz, um eigene Gedanken zu fassen und damit eigene Meinungen zu bilden, Meinungen, die nicht dem totalitären System entsprechen. Damit werden sie zu nicht hinterfragenden Konsumenten des Neusprechs und sind anfällig für die Propaganda der Regierung.

Stellen Sie sich eine solche Welt vor, in der man nicht einmal mehr fähig ist, zu hinterfragen oder Kritik zu üben – es ist in der Tat eine schauerliche Dystopie. Doch ist sie so weit entfernt von unserer heutigen Gesellschaft?



Die Gefahr der Vereinfachung

Das Problem ist, dass Menschen sehr anfällig für Vereinfachungen jeglicher Art sind. Erfindungen, die uns das Leben leichter machen, erobern den Markt im Sturm. Nehmen wir etwa die Waschmaschine oder den Staubsauger – jeder, der sich noch an eine Zeit vor diesen Geräten erinnert, wird sich bei jeder Benutzung erneut über sie freuen. Für andere sind sie jedoch selbstverständlich, und sie wären unfähig, ohne die Haushaltshelfer zurechtzukommen.
So ist auch die Vereinfachung der Sprache einladend: Sie spart Zeit und Gehirnmuskel.

Ist unsere Sprache so komplex, wie wir oft annehmen, oder ist sie durch Vereinfachung gekennzeichnet? Sind also auch wir in unserer heutigen Gesellschaft anfällig für totalitäres Gedankengut?



Twitternde Präsidenten und die Massenmedien

Erschreckenderweise ist es nur allzu leicht, Parallelen zu Orwells Neusprech in unserer Zeit zu finden.

Donald Trump twittert regelmäßig in maximal 140 Zeichen über Weltpolitik. Man liest überall aufgeladene Schlagworte wie „Fake News“ und „the Wall“. Die Rollen von Gut und Böse sind klar verteilt und mit Halbsätzen zum noch einfacheren Erkennen gekennzeichnet. Es sind Zweizeiler, die für einen nicht reflektierenden Leser leicht verdaulich sind. Schließlich hat man bei den Tweets auch keinen langen Text zu lesen, um sich über aktuelle Debatten zu ‚informieren‘.

Das Internet bringt noch andere Kuriositäten der modernen Kommunikation mit sich, wie beispielsweise die Chatsprache. Hier werden ganze Sätze durch Akronyme ersetzt. Man möchte meist so schnell wie möglich tippen, wodurch die Sprache vereinfacht wird und auch Grammatik und Rechtschreibung leiden.

Auch im deutschen Fernsehen lassen sich Parallelen zu 1984 erkennen. Privatsender präsentieren sich mit Sendungen, die sowohl inhaltlich als auch sprachlich nicht gerade zum Mitdenken anregen und sich so zur ganz und gar passiven Berieselung eignen.

Der Konsument wird stark von diesen Medien beeinflusst und droht, diese Sprache selbst zu übernehmen und die präsentierten Informationen ungefiltert aufzusaugen. Damit wird er desinteressiert und manipulierbar, er spielt in seiner Passivität totalitären Systemen in die Hände.
Wie aber können wir uns der Sprachvereinfachung erwehren?


Durch Lesen und Schreiben die eigene Sprache finden und die Freiheit des Denkens bewahren

Um nicht selbst der Vereinfachung nachzugeben, sollte man darauf achten, auch anspruchsvollere Texte zu lesen, wie etwa ein gutes Buch. Lesen benötigt Aufmerksamkeit und eröffnet uns neue Blickpunkte. Doch auch hier bleibt der Leser ein Konsument – er liest die Gedanken und Eindrücke einer anderen Person.

Um nicht nur der Konsument der Meinung anderer Leute zu sein, müssen wir unsere eigenen Gedanken fassen und sprachlich ausdrücken. Selbst zu schreiben ist das beste Mittel, um sich von Orwells Dystopie zu entfernen und gegen den uns täglich umgebenden Neusprech gewappnet zu sein. Der Schreibende wird sich unweigerlich der eigenen Sprache, ihrer Komplexität und ihrer Möglichkeiten, wieder bewusst. Es gibt glücklicherweise so viele schöne Worte, mit denen man seine Gedanken und Gefühle ausdrücken kann, also warum sollten wir uns mit Halbsätzen und knappen Worten begnügen? 

Hüllen Sie ihre innere Welt in feinste Gewänder. Bedienen Sie sich der schier unendlichen Möglichkeiten, die uns unsere Sprache bietet und kreieren Sie daraus ihre eigene. Ein Buch in ihrer eigenen Sprache trägt ein Stück dazu bei, dass Ihnen und Ihren Lesern das freie Denken erhalten bleibt.