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Gehorsam – wo ist die Grenze zwischen Befehle befolgen und sich bewusst und überlegt an sinnvolle Regeln halten

 

Unter Gehorsam wird generell das Befolgen von Geboten oder Verboten verstanden, indem wir entsprechende Handlungen durchführen oder unterlassen. Gehorsam heißt, sich dem Willen einer Autorität unterzuordnen, einen Befehl zu befolgen, eine Forderung zu erfüllen oder Verbote zu beachten. Die Autorität, der wir Gehorsam leisten, können einzelne oder mehrere Personen sein – z. B. die Eltern, der Vorgesetzte, die Lehrerin –, oder es kann eine Institution wie der Staat oder die Polizei sein, eine religiöse Autorität oder Kirche, und selbst das eigene Gewissen kann eine solche Autorität darstellen. Außerdem kann man zwischen freiwilligem und erzwungenem Gehorsam unterscheiden – wobei diese beide Formen des Gehorsams mit der eigenen inneren Einstellung zu tun haben und manchmal auch fließend ineinander übergehen.

 

Arten von Gehorsam

Bekannt ist der militärische Gehorsam, unter dem das strikte Befolgen von Befehlen und Anordnungen zu verstehen ist. Ungehorsam beim Militär zieht häufig Sanktionen nach sich und kann ein Risiko für die Sicherheit anderer bedeuten. In manchen Ländern müssen Kriegsdienstverweigerer mit Sanktionen rechnen. In besonderen Fällen kann aber das Verweigern des militärischen Gehorsams auch geboten sein, sowohl aus rechtlichen als auch aus ethischen Gründen. Hier kommen also die Begriffe blinder Gehorsam und Kadavergehorsam ins Spiel. Bei diesen Formen des Gehorsams unterwirft sich ein Individuum einer Autorität und opfert seinen eigenen Verstand zugunsten einer von ihm anerkannten Autorität. Das Ego löst sich also auf und vertraut dieser Autorität blind. Die Floskel „Die Partei hat immer recht“ dürfte in dem Zusammenhang jedem bekannt sein. Daneben gibt es den vorauseilenden Gehorsam, der das Erspüren und Befolgen einer Regel oder Anordnung ist, noch bevor die Anweisung überhaupt formuliert wurde. Gehorsam und Ungehorsam haben also auch etwas mit dem eigenen Gewissen und mit den Folgen unseres erzwungenen Handelns für uns selbst und andere zu tun. Wenn aber Ungehorsam sanktioniert und Gehorsam belohnt wird, bleibt das eigene Gewissen oft auf der Strecke.


Gehorsam wird anerzogen

Als Kinder lernen wir früh, was es heißt, gehorsam bzw. ungehorsam zu sein. Wir müssen uns den Regeln der Eltern unterwerfen. Der kindliche Gehorsam ergibt sich somit aus dem natürlichen Abhängigkeitsverhältnis zu den Eltern. Aber auch aus anderen Abhängigkeitsverhältnissen, zum Beispiel zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, ergibt sich ein Verhältnis, das geprägt ist vom Gehorsam gegenüber einer Autorität (der Vorgesetzte, Chef, Boss etc.).
In Zeiten von Corona mit den vom Staat und den Gesundheitsämtern verordneten Verhaltensregeln, Geboten und Verboten zeigen sich verschiedene Formen des Gehorsams. Da ist zum einen der solidarische Gehorsam: Wir befolgen aus Solidarität oder aus Rücksicht auf die Risikogruppen die Verordnungen und Regeln, auch wenn wir nicht im Einzelnen von ihnen überzeugt sind. Verwandt damit ist der freiwillige Gehorsam. Hier befolgen wir die Regeln, zum Beispiel das Tragen einer Maske, weil uns diese Maßnahme sinnvoll erscheint. Wir sind in dem Fall also nicht gehorsam, sondern einsichtig. Andere Menschen – das zeigen die Proteste gegen die Corona-Regeln – empfinden dieselben Regeln als unsinnig oder als ein erzwungenes Verhalten. Sie fühlen sich in ihrer Freiheit eingeschränkt und äußern darüber ihren Unmut. 
Eine weitere Form des Gehorsams ist der Gehorsam in religiösen Gemeinschaften, z. B. in Keuschheit und im Zölibat zu leben. Und dann gibt es den Gehorsam als Selbstdisziplin. Dahinter steht eine Haltung, die den Sinn von Anordnungen und das ihnen zugrunde liegende Sozialgefüge positiv sieht.

 

 

Gehorsam ist keine Konstante

Die Bedeutung von Gehorsam verändert sich in unserer Gesellschaft ebenso, wie sich Normen und Werte verändern; diese gelten oder entwickeln sich allmählich und verlieren wieder an Bedeutung – so auch der Gehorsam und die Unterordnung. Ebenso ist die Bedeutung von Gehorsam nicht in allen sozialen Schichten oder Gruppierungen gleich groß. Im Allgemeinen war Gehorsam in Arbeiterfamilien bis Ende des 20. Jahrhunderts stärker ausgeprägt als in aufstrebenden Mittelschichten, bei denen persönliche Freiheit stärker im Vordergrund steht. Gleichwohl verbinden viele Ungehorsam auch mit Disziplinlosigkeit, während andere nicht anders können, als ungehorsam zu sein.


Warum löst Gehorsam innere Abwehr aus?

Das kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit daher, dass wir als Kinder tun mussten, was die Eltern sagten oder anordneten, und das ohne Widerrede und ohne nach dem Warum zu fragen. Das wurde zumeist als eine hilflos machende, das Ego kränkende Bevormundung empfunden, die Widerwillen erregte. Deshalb gehorchten wir auch nicht immer und tun es auch heute nicht, wenn wir zum Beispiel Verkehrsregeln missachten. Kindheitserfahrungen und auch die gesellschaftlichen und politischen Erfahrungen einer Generation tragen ebenfalls dazu bei, dass man „aufsässig“ wird. Ein gutes Beispiel sind die politischen Proteste der 1968er-Jahre, die in der Bundesrepublik eine Auflehnung gegen die vom Kadavergehorsam der NS-Diktatur geprägte Elterngeneration war. Das führte damals zur Ablehnung jeder Autorität und zur sogenannten antiautoritären Erziehung, womit das eine Extrem ins andere verkehrt wurde.
Weil Anordnungen von Vorgesetzten und amtlichen Stellen immer das Ego angreifen und deshalb zum Widerstand reizen, ist es üblich geworden, Anordnungen aller Art höflich und als Bitten zu formulieren. Sofort denkt man hier an die u. a. von der deutschen Bundeskanzlerin und ihrem Gesundheitsminister in Sachen Corona gehaltenen Reden, in denen die Regeln als höfliche Bitten und Ermahnungen formuliert wurden.

 

Gehorsam gegenüber Gott und anderen Autoritäten

Obwohl der Mensch von Natur aus niemanden über sich haben und sich nichts sagen lassen will, vertraut er – sofern er gläubig ist – dem lieben Gott als einem höheren Wesen, das den Überblick über alles hat und die Verantwortung für alles trägt. „Dein Wille geschehe“ heißt die zentrale Bitte des christlichen Grundgebetes, des Vaterunsers. Hier drücken sich der Wunsch und die Bereitschaft aus, sich ganz auf Gott und seine Führung einzulassen. In der christlichen Tradition wird das Gehorsam gegenüber Gott genannt. Wir befolgen zum Beispiel die Zehn Gebote, weil sie unserem Rechtsempfinden und unseren Moralvorstellungen entsprechen. Als aber laut der Bibel Abraham von Gott den Befehl erhielt, seinen einzigen Sohn zu opfern, da war Abraham bereit, Gott Gehorsam zu leisten. Er unterwarf sich Gottes Befehl ohne Wenn und Aber. Gott forderte absoluten Gehorsam und Abraham gehorchte. War das Kadavergehorsam, oder zollte Abraham damit Gott seine Liebe und seinen Respekt? Er stellte Gottes Anordnung nicht infrage, obwohl sie den Verlust Isaaks bedeutete und aus Abraham einen Kindsmörder machte. In der Bibel geht die Sache mit Abrahams blindem Gehorsam noch mal gut aus, denn in letzter Minute wird Isaak von einem Engel gerettet. Doch wirft diese Geschichte aus der Bibel die Frage auf: Wieso sind Menschen bereit, für Religion zu töten und zu sterben? Für einen gefährlich langen Moment erscheint Abraham wie ein Terrorist unserer Tage. Während Abraham anderswo in der Bibel durchaus mit Gott diskutiert, wenn es um Befehle geht, und ins Feld führt, dass Gott keine unschuldigen Menschen töten soll, ist hier kein Wort des Widerspruchs von ihm zu hören. Abraham erscheint wie ein Fanatiker, der alles tut für seine religiöse Mission – oder das, was er dafür hält. Einer, der keine Fragen mehr stellt, nicht nach rechts oder links sieht; einer, der blind ist vor lauter Gehorsam. Solchen religiösen Fanatismus gab und gibt es in allen Religionen. Wenn die Geschichte von Abraham und Isaak etwas lehrt, dann dieses: Menschen wissen nie so genau, was Gott will, sollten sich ihrer Gottesbilder nie zu sicher sein. Das gilt auch für andere Autoritäten, denen wir blind vertrauen. Gehorsam sollte dort aufhören, wo von uns verlangt wird, uns oder jemand anders zu schaden. Hier ist ganz klar eine Grenze zu ziehen. Das bedeutet aber im Umkehrschluss auch, dass wir verpflichtet sind, Gehorsam zu leisten, sobald dadurch Schaden von uns und anderen abgewendet werden kann.