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Der große Boom der Selbsthilfe-Ratgeber und das Geheimnis ihres Erfolgs

Es ist ein regelrechter Boom auf dem Buchmarkt in den letzten paar Jahren: Selbsthilfe-Bücher und Ratgeber aller Art erfreuen sich mehr und mehr Beliebtheit. Aber was steckt hinter dem Phänomen „Selbsthilfe“?


Willkommen in der Epoche der Ratsuchenden!

Wieso überhaupt Selbsthilfe-Bücher? Wieso nicht einfach einen Bekannten fragen, den Freund, den Nachbarn? Wieso nicht einfach googeln? Macht man doch sonst mit allem.
Nun, das Problem ist, dass eben jeder eine Meinung hat – und zwar meistens jeder seine eigene. Das ist nicht immer schlecht; wenn man sich aber nun nicht sicher ist, hilft einem das wenig weiter. Das Internet verstärkt diesen Effekt nur noch mehr – man sehe sich Frageforen und soziale Medien an: Keder hat die Möglichkeit, seinen Senf dazuzugeben (und tut es auch). Welcher Rat im Chaos dieser Informationenflut der richtige ist, ist letztendlich nicht immer ersichtlich. Und was die Qualifikation des Ratgebers angeht, schon gar nicht.
Es mag in manchen Fällen ein Trugschluss sein, aber Bücher halten noch immer ihren Ruf, zuverlässig und der Wahrheit verpflichtet zu sein. Wir vertrauen ihnen instinktiv. Wenn das Rezept aus dem Internet danebengeht, ist das eine Sache, wenn aber das gute Kochbuch mit falschen Versprechungen aufwartet, eine ganz andere. So verhält es sich wohl mit Ratgebern auch. (Wie war das noch, guter Rat ist teuer?) Zwar muss man sich unter den verschiedenen Selbsthilfe-Büchern auch entscheiden, sobald man das aber hinter sich hat, wird die Argumentation innerhalb eines Buches schlüssig sein. Noch dazu ist es länger, detaillierter, bereitet einen auf mehr Eventualitäten vor als der gut gemeinte Rat eines Freundes oder anonymen Posters im Internet.


Tragen Social Media dazu bei, dass wir immer unzufriedener mit uns selbst sind?

In unserer modernen, westlichen Welt gibt es kaum jemanden, der nicht auf einer der verschiedenen Soziale-Medien-Plattformen, wie Facebook, Instagram oder Twitter, vertreten ist. Damit werden sie zum Spiegel unserer Gesellschaft – werden zur Gesellschaft, nur eben online. Besonders für junge Menschen ist diese Art der Kommunikation und Vernetzung nicht mehr wegzudenken. Soziale Medien sind ihre Visitenkarte, ihre digitale Identität, mit der sie sich der Welt präsentieren. Es geht lange nicht mehr nur um die Verbindung des Freundeskreises – das Interesse an der Person wird durch Facebook gestillt; bevor man mit jemandem ausgeht, wird mit Instagram überprüft, wie attraktiv der andere ist; zukünftige Arbeitgeber prüfen und filtern durch Social Media. Die Online-Identität muss stets aktuell sein, muss Interesse wecken und Erfolg im Leben suggerieren, privat wie professionell.


Perfektion wird zum Standard und verstärkt das Gefühl der Unzulänglichkeit

Es sind nicht nur individuelle Meinungen, die sich in den sozialen Medien widerspiegeln, sondern auch ein gewisser gesellschaftlicher Konsens dazu, was in unserer Gesellschaft erstrebenswert ist. Somit sind es gerade diese Plattformen, die den Nutzern unrealistische Standards vermitteln, seien es Schönheitsideale oder beruflicher Erfolg. Perfektion ist allgegenwärtig, das anzustrebende Ideal. Und so fühlen sich immer mehr Menschen diesem Ideal unterlegen und wollen an sich selbst arbeiten, um dieses erfüllen zu können.
Das ist die Lücke, in die sich Selbsthilfe-Ratgeber einfügen. Sie bieten zuallererst Verständnis für die empfundene Unzulänglichkeit; versichern, dass es anderen Menschen auch so geht. Sie räumen ein Problem ein, sprechen es aus und verurteilen nicht. Doch sie geben noch mehr: Sie sind eine Anleitung, wie man sich aus der eigenen Mittelmäßigkeit emanzipieren und eines der auf Social Media illustrierten, fotografierten und dokumentierten Bilderbuchleben erreichen kann. Und das ganz einfach, Schritt für Schritt, mit nur einem kleinen Büchlein.


Lebenshilfe-Bücher versprechen Auswege, wenn man sich vom eigenen Leben überholt fühlt

Doch wir wollen nicht soziale Medien zum Sündenbock für ein Problem machen, das noch viel größere Kreise zieht. Sie sind am Ende ein Spiegel unserer selbst und in ihren Werten nur das Symptom einer größeren gesellschaftlichen Entwicklung: 
Wir leben in einer zunehmend leistungsorientierten, schnelllebigen Gesellschaft, die unseren persönlichen Wert an unseren Erfolgen im Leben misst. Dass diese Mentalität ihre Schattenseiten hat, zeigt sich in den Konsequenzen dieses Drucks: Mehr und mehr Arbeit heißt auch weniger Privatleben, Freizeit und Entspannung. Unsere Zeit und Kraft reicht oft hinten und vorne nicht. Erwartungen, Druck und der Stress, Alltag und Beruf unter einen Hut zu bekommen, zehren an der Bevölkerung. 
Doch unlängst wird dieser Druck von immer mehr Autoren und Autorinnen aufgegriffen, denn viele Selbsthilfe-Ratgeber richten sich gerade an die Menschen, die vor Stress nicht mehr weiterwissen. Dies erklärt ihre große Beliebtheit, denn mit stetig wachsenden Ansprüchen wird der Stress auch in den nächsten Jahren nicht abnehmen – ganz im Gegenteil. Betrachtet man die Massen an Stressbewältigungsratgebern, so kann man kaum noch von einer Marktlücke sprechen. Und doch erscheinen immer wieder neue. Zu Recht, denn Stress kann viele Ursachen haben und fühlt sich für jeden anders an. Und auch seine Folgen stellen ein eigenes Problem dar. 


Schneller, höher, besser, erfolgreicher … der direkte Weg zum Stress

Stress ist allerdings für viele nicht nur eine Anstrengung. Die Medizin führt so manches gesundheitliche Problem auf Dauerstress zurück. Viele dieser Erkrankungen treten verstärkt in unserer Gesellschaft auf. So werden physische, psychische und mentale Probleme aufgrund von Stress immer mehr und mehr zur Massenplage. Ein klares Signal.
Ratgeber schaffen auch hier Abhilfe: Selbsthilfe-Bücher gibt es nicht mehr nur zur Reduzierung von Stress, sondern mittlerweile auch zur Behandlung seiner Symptome und Folgen. Migräne, Magenprobleme, Panikattacken und Depressionen werden gleichermaßen in der Selbsthilfe-Literatur besprochen. Auch zu den mentalen Folgen schwerwiegender oder lang andauernder Krankheiten wie Herzprobleme, Schlaganfälle etc. gibt es Ratgeber, sowohl für Betroffene als auch für Angehörige. Die Auswahl ist hier schier endlos, dabei zielen sie alle auf ein grundlegendes Ziel: die Verbesserung der Lebensqualität.


Die Suche nach Rat und Hilfe erfordert Überwindung und bedeutet seelische Entblößung – die Lebenshilfe in Buchform punktet durch die schützende Anonymität

Unter den Begriff Lebensqualität kann vieles fallen, aber allem voran beschreibt er das seelische Wohlbefinden, die mentale Gesundheit des Menschen. Es war lange ein Tabuthema, und das ist es in gewisser Hinsicht heute noch. Doch langsam wandelt sich die Einstellung: Vielleicht liegt es an der immer perfekter wirkenden Fassade, die uns überall präsentiert wird, dass sich nun ein Gegenstrom dazu bildet. Der Hunger nach Authentizität, nach Ehrlichkeit, danach, Probleme offenzulegen und sie zu thematisierennach entblößten Problemen. Danach, diese Probleme zu thematisieren.
Selbsthilfe-Ratgeber bedienen dieses Bedürfnis. Bislang totgeschwiegene Probleme wie Depressionen, Burn-out, die Verarbeitung von Traumata und Verlust werden angesprochen, erklärt, behandelt. Je mehr Ratgeber über diese wichtigen Themen geschrieben und veröffentlicht werden, desto mehr Menschen haben die Möglichkeit, sich und anderen zu helfen. Indem diese Bücher so vom Rand der Gesellschaft in ihre Mitte gelangen, werden neue Wege der mentalen und psychologischen Problembewältigung aufgezeigt. Ein Tabu wird in Akzeptanz umgewandelt, wird zum salonfähigen Thema.
Hierdurch geschieht ein stiller, jedoch umso wichtigerer Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins und macht deutlich: Selbsthilfe-Ratgeber sollen und wollen gelesen werden!
Sie senken die Hemmschwelle, man muss nicht mehr den Mut aufbringen, nach Hilfe zu fragen oder sie zu suchen, sondern bekommt sie anonym vorgesetzt. Das birgt allerdings auch die Gefahr, die Selbsthilfe-Ratgeber lediglich zu lesen und sich damit einzureden, dass man aktiv sei, dabei aber nichts davon umzusetzen. Wie Kochbücher verstauben viele Ratgeber unbenutzt auf den Regalbrettern. Und auch sie produzieren mehr und mehr Meinungen, die letztendlich weitergeleitet werden und potenziell zur allgemeinen Verwirrung beitragen können.


Um sich selbst zu helfen, muss man sich eben selbst helfen

Wie die meisten Dinge sind auch Selbsthilfe-Ratgeber ein zweischneidiges Schwert. Sie haben das Potenzial, viel Gutes zu bewirken, doch genauso können sie in blindem Konsum zur Verwirrung führen oder einfach ignoriert werden. Bücher sind am Ende einfach nur Bücher und müssen gelesen werden. Rat muss in die Tat umgesetzt werden, um einen Effekt zu erzielen.
Ratgeber sind aus vielen Gründen so erfolgreich, die meisten davon ein Symptom unserer heutigen Gesellschaft. Doch der vielleicht wichtigste Grund für ihren Erfolg? Wir alle brauchen von Zeit zu Zeit mal Hilfe. Und nicht immer ist es einfach, sich das einzugestehen, darum zu bitten. Nicht immer gibt es jemanden, den wir bitten können. Aber es gibt uns selbst. Und mit der richtigen Anleitung können wir uns vielleicht selbst helfen.
Selbsthilfe-Ratgeber sind eben genau das, was sie versprechen: Hilfe zur Selbsthilfe.