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Von Stereotypen, Vorurteilen und Klischees

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Mit Stereotypen und Klischees, zwei Ausdrücken aus der Drucktechnik, werden relativ starre, weitverbreitete Vorstellungen über Menschengruppen bezeichnet. Sie können wertschätzend sein („alle Deutschen sind zuverlässig und pünktlich“), aber auch abwertend („Frauen können nicht einparken“) oder einfach nur neutral („alle Engländer trinken viel Tee“). Das, was wir also über eine Gruppe Menschen denken oder über die Menschen, die der Gruppe zugehören, nennen wir Stereotyp. Bezieht man ein solches Stereotyp auf eine einzelne Person, packt diese also – ohne die Person überhaupt genauer zu kennen – in eine Schublade, dann wird aus dem Stereotyp ein Vorurteil. Der Weg vom Stereotyp zum Vorurteil ist somit recht kurz.

 

Vom Stereotyp zum Vorurteil

Vorurteile beziehen sich auf bestimmte Merkmale des einzelnen Menschen: Hautfarbe, Nationalität, religiöser oder ethnischer Hintergrund, sexuelle Identität. Es wird zu einem Kategorisierungs- und Bewertungsmerkmal. Beispiel für ein positives nationales Stereotyp: „Alle Deutschen sind pünktlich und zuverlässig“. Im Umkehrschluss bedeutet es aber auch, dass Nicht-Deutsche unpünktlich und unzuverlässig sind. Somit steckt in dem positiv gemeinten Stereotyp ein Vorurteil gegenüber anderen. Und wie falsch solche vermeintlich positiven Stereotype sind, zeigt sich an dem im Jahr 2020 entstandenen Stereotyp, wonach die Deutschen die Corona-Pandemie besser als andere Nationen bekämpft haben. Mittlerweile zeigt es sich, dass andere Nationen es noch viel besser können. Stereotype Vorstellungen sind also relativ. Positive oder negative Eigenschaften, Fähigkeiten und Leistungen eines Menschen oder einer Menschengruppe oder einer Nation haben nichts mit deren Nationalität, Religion, sexuellen Identität, Hautfarbe oder ihrem Geschlecht zu tun.

 

„Das Vorurteil ist das Kind der Unwissenheit.“ (William Hazlitt)

Vorurteile sind emotional stärker aufgeladen als Stereotypen und häufiger negativ. Sie umschreiben die persönliche, meist negative Einstellung eines Menschen zu einem anderen Menschen oder einer Menschengruppe. Wer aufgrund einer bestimmten Vorstellung oder ungeprüften Vorannahme in einer bestimmten Weise handelt oder über jemand anders denkt, der vorverurteilt.
Allerdings erfüllen Vorurteile und Stereotypen auch einen Zweck: Sie erleichtern die Denkarbeit. Sie sind ein Mittel, um die Dinge im sozialen Miteinander zu vereinfachen, und zwar indem wir Menschen in gewisse Gruppen einordnen und das Wissen abrufen, das wir über diese Gruppen haben. Allerdings tun wir das größtenteils schematisch, und meist wird dieses „Wissen“ unreflektiert übernommen. So entstehen dann auch oft Klischees.

 

Klischees

Das Wort Klischee, ebenfalls aus der Drucktechnik abgleitet, kommt aus dem Französischen und kann mit „Abklatsch“ übersetzt werden. Unter Klischees versteht man vorgeprägte Wendungen, abgegriffene und durch allzu häufigen Gebrauch verschlissene Bilder, Ausdrucksweisen, Rede- und Denkschemata, die ohne individuelle Überzeugung einfach unbedacht übernommen werden. Auch über bestimmte Menschen oder -gruppen gibt es klischeehafte Vorstellungen. Es lässt sich also feststellen, dass Stereotyp, Vorurteil und Klischee drei Begriffe sind, die im alltäglichen Sprachgebrauch nahezu synonym verwendet werden. Was aber hat es nun genau auf sich mit diesen fest geformten, allgegenwärtigen Vorstellungen, die wir von uns und andern haben? Woher kommen sie, und worin liegt die Bedeutung von Stereotyp, Vorurteil und Klischee? 

 

Die ambivalenten Funktionen von Stereotypen, Vorurteilen und Klischees

Stereotype, Vorurteile und Klischees sind das Resultat historisch-politischer, geografischer und sozialer Entwicklungen. Sie sind gesellschaftlich konstruiert und können auf Verallgemeinerungen von individuellen Erfahrungen beruhen. Vor allem sind sie doppelgesichtig. Stereotype, Vorurteile und Klischees erfüllen einerseits sinnvolle Funktionen, haben aber auch Schattenseiten. 
Sinnvolle Funktionen von Stereotypen, Vorurteilen und Klischees: Sie vereinfachen und reduzieren Komplexität. Sie können uns bei der Orientierung in einer unüberschaubaren Welt helfen. Sie erfüllen also eine kognitive Funktion.  Mit fest geformten Vorstellungen grenzen wir uns von anderen ab. Wir stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der eigenen Gruppe. Stereotype, Vorurteile und Klischees haben also auch eine soziale Funktion. Viele fest geformte Vorstellungen geben uns das Gefühl, anderen überlegen zu sein. Dies scheint auf den ersten Blick nicht gerade sympathisch, ist psychologisch betrachtet aber von Vorteil: Wir fühlen uns in unserm Selbstbewusstsein gestärkt. Damit erfüllen starre Vorstellungen eine wichtige affektive Funktion

 

Schattenseiten Jede der oben genannten sinnvollen Funktionen hat aber auch eine Schattenseite. Der große Nachteil von Vereinfachungen ist: Wichtige Details und Besonderheiten bleiben unberücksichtigt. Die bunte Vielfalt von Menschen und bestimmten Menschengruppen kommt zu kurz. Wir scheren alle über einen Kamm. Ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb einer Gruppe ist zwar wichtig, kann aber auch dazu führen, dass andere dadurch ausgeschlossen werden, weil unsere Vorstellungen sagen, dass ein Mensch nicht zu uns ‚passt‘. So kann auch ein gefährliches Überlegenheitsgefühl entstehen: Rassismus. Selbstbewusstsein ist wichtig. Und natürlich wollen wir uns alle gut fühlen. Aber müssen wir uns deshalb gegenseitig abwerten? Die Grenzen zwischen Überlegenheit und Überheblichkeit sind fließend. 
Stereotype, Vorurteile und Klischees sind janusköpfig. Mit diesem Wissen sollten wir die Vorurteile und klischeehaften Vorstellungen, die wir von anderen Menschen haben, kritisch prüfen, wenn wir diesen Menschen begegnen.